ERNÄHTE ZEIT

Ort:Galerie Zwischenbilder, Sozialamt der Stadt Graz, Schmiedgasse 26/I, 8010 Graz
Eröffnung: 7.März 2006, 18:00
Öffnungszeiten: Mo. – Fr. 9:00 – 17:00
Ausstellungsdauer: 7. März 2006 – 5. Mai 2006

Menschen Stoffe Geschichte

Die Bosna Quilt Werkstatt entstand 1993 im Caritas Flüchtlingsheim Galina in Vorarlberg/Österreich. Initiatorin und künstlerische Leiterin ist die Malerin Lucia Feinig-Giesinger. Sie gestaltet die Quilts und verantwortet die Materialien und die Farbigkeit der Tücher. Bosnische Frauen steppen die Linien nach ihren eigenen Vorstellungen.

Ein Bosna Quilt ist ein rucno (von Hand) genähtes, dreischichtiges, abstraktes Textilunikat, an dem Künstlerin und Näherin ihren selbständigen Anteil haben. Bisher gab es über 80 Bosna Quilt Ausstellungen in ganz Europa. 1998, nach dem Ende des Kriegs, wurde die Werkstatt in die zerstörte Enklave Gorazde an der Drina verlegt. 12 bosnische Familien verdienen mit Bosna Quilts ein Grundeinkommen.

Bosna Quilts hängen in Privathãusern, in Bürohäusern, in Sakralräumen. Sie werden auch auf Bestellung entworfen und genäht.

Das Buch „Vernähte Zeit – Die Bosna Quilt Werkstatt“ (Sasiveno vrijeme, Wien 1999) mit Farbreproduktionen, SW-Fotos von Nikolaus Walter und Texten von Willibald Feinig ist ein spannendes Dokument über die Eigenart der Bosna Quilts, ihren menschlichen und zeitgeschichtlichen Hintergrund. Das Buch ist in der 2. Auflage mit englischer Übersetzung von John Christensen bei Verlag W.Neugebauer, Graz – Feldkirch erschienen , ISBN 3-85376-078 € 49,50 CHF 75,00

Geschichte
Im Frühjahr 1993 begann die Vorarlberger Malerin Lucia Feinig-Giesinger auf Anregung einer Psychologin mit bosnischen Flüchtlingsfrauen im Caritas-Lager Galina (Vorarlberg) die Herstellung von Tüchern in Patchwork-Technik. Es war mitten im Bosnischen Krieg. Niemand von den Beteiligten dachte, dass diese ungewöhnliche interkulturelle Zusammenarbeit ein solches Echo finden würde: über1000 handgesteppte Quilts sind seither in der Bosna Quilt Werkstatt entstanden; fast hundert Ausstellungen in österreich, Deutschland, Liechtenstein, Schweiz, Bosnien und Frankreich haben sie bekanntgemacht.

1998 mussten die meisten Frauen zurückkehren. Seither werden die Quilts in der im Bürgerkrieg zerstörten Enklave Gorazde an der Drina genäht, einer der bosnischen Städte, die 1992-96 am meisten gelitten haben. Die Fortsetzung wurde durch Subventionen einer Privatstiftung und der öffentlichen Hand und durch das Entgegenkommen einer Textilfirma ermöglicht. Heute steht die Bosna Quilt Werkstatt auf eigenen Füßen. Ein „Verein Bosna Quilt Werkstatt“ ermöglicht die Produktion und sichert damit Arbeitsplätze und ein regelmäßiges Einkommen für 12 Bosnierinnen. 1999 erschien der zweisprachige Bild – und Textband „Vernähte Zeit/Sasiveno vrijeme“, der die Initiative Lucia Feinigs darstellt.

2002 widmete das österreichische Fernsehen dem Kunst- und Selbsthilfeprojekt, in dem Laien und Künstlerin aus Ost- und Westeuropa zusammenarbeiten, eine Filmdokumentation.

Lucia Feinig hatte sich bewusst für eine künstlerische Technik entschieden, in der weder sie noch die bosnischen Frauen irgendeine Erfahrung hatten. Nach einer Versuchsphase wurde nicht nur ein Verteilungsschlüssel für die Einnahmen gefunden, sondern bald auch die für Bosna Quilts charakteristische Arbeitsteilung klar: Die Gesamtgestaltung, die Verteilung der Stoffflächen in ihrer unverkennbaren, oft dramatischen, oft verhaltenen Farbigkeit stammt von Lucia Feinig; die Nahtzeichnung entwickeln die bosnischen Frauen selbst, sie steppen in ihrer je eigenen, immer ausgeprägteren Handschrift. Es handelt sich also nicht um Westkunst, ausgeführt von Handwerkerinnen aus dem Osten, sondern um einen gemeinsam gestalteten „neuen Raum im Haus der Kunst“ (Oslobodenje, Sarajevo, 6.2000)

Hauptsächlich über Ausstellungen, zu denen die Gruppe eingeladen wurde, fanden und finden die gesteppten Dreischicht-Tücher, die ein Klima der Wärme und Nähe schaffen, ihren Weg in private und öffentliche Räume. Bosna Quilts hängen in zahlreichen Geschäftsräumen (z.B. bei KTM in Mattighofen), in Kirchen (z. B. in der Holzmeisterkirche in Bregenz-Mariahilf), in Bildungshäusern, Hotels, Krankenhäusern und Wohnungen. Pro Quilt sind durchschnittlich 100 bis 200 Arbeitsstunden nötig. Regelmäßige Austausche und Besuche dienen der Weiterentwicklung des Projekts.

Einen entscheidenden Schritt in die Öffentlichkeit bedeutete der große Bild- und Textband „Vernähte Zeit“. Er beleuchtet die historischen und künstlerischen Hintergründe der Werkstatt. Zeitgeschichtliches Dokument und Kunstbuch zugleich, mit Schwarzweiß-Fotos von Nikolaus Walter und Texten (in zwei Sprachen) von Willibald Feinig, enthält das Buch auch 57 Farbseiten, die einen Eindruck von der Eigenart, der Dichte und Leuchtkraft der Bosna Quilts geben.

Der gemeinnützige Träger-Verein wurde 1998 gegründet, um Herstellung und Verkauf der Bosna Quilts zu fördern. Präsident ist Norbert Fitz (Altach).

Der Hohe Repräsentant der Vereinten Nationen in Bosnien, Wolfgang Petritsch, eröffnete am 23.11. 2001 die Bosna Quilt Ausstellung in der Bosnischen Nationalgalerie (Umjetnicka Galerija) in Sarajevo. Er hält das Kunstprojekt für ein „äußerst wichtiges“ Muster der Eigeninitiative und des Zusammenhaltens von Ost und West. Solche Eigeninitiativen, so Petritsch, geben einem traumatisierten Land wie Bosnien Zukunft.